Aus Israel und dem Iran sind in der Nacht auf Samstag erneut gegenseitige Angriffe gemeldet worden. Das israelische Militär erklärte, die Luftstreitkräfte griffen weiterhin Ziele im Iran an – auf beiden Seiten wurden Tote gemeldet. In der iranischen Hauptstadt Teheran war in der Nacht Berichten zufolge wieder die Luftabwehr aktiv. Auch der Flughafen Mehrabad sei getroffen worden.
Ein Hangar für Kampfjets sei iranischen Angaben zufolge Ziel der Angriffe geworden. Der Flugverkehr ist unterdessen weiter gesperrt. Bei einem israelischen Angriff auf einen Wohnkomplex in Teheran wurden laut iranischem Staatsfernsehen etwa 60 Menschen getötet. Das iranische Militär habe zudem Drohnen in Grenznähe abgeschossen. Der staatliche Rundfunk verortete den Vorfall im Nordwesten unweit der Grenze zu Aserbaidschan und der Türkei.
Indes meldete die Armee in Israel auch einen erneuten Drohnenangriff aus dem Iran. Die Luftabwehr sei aktiviert. Bei iranischen Angriffen auf ein Wohngebiet in der israelischen Küstenebene wurden nach Angaben des israelischen Rettungsdiensts Magen David Adom am Samstag zwei Menschen getötet und 19 weitere verletzt. In einem Bericht der Times of Israel war zuvor von drei Toten die Rede. Dutzende weitere hätten teils schwere Verletzungen erlitten, meldete die Times of Israel.
Obwohl die USA ihrem Verbündeten laut unbestätigten Medienberichten bei der Raketenabwehr halfen, habe es im Zentrum des Landes, darunter im Raum Tel Aviv, dem Bericht der Times of Israel zufolge Einschläge gegeben. Teils seien auch Trümmer abgefangener Geschoß zu Boden gestürzt. Mehrere Häuser wurden beschädigt. Die meisten Raketen sind laut einem Militärsprecher abgefangen worden, berichtete das Nachrichtenportal.

Raketen über Netanja, Israel
Drohungen halten an
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz drohte dem Iran und seinem obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei bei weiteren Angriffen auf zivile Gebiete im Land mit schweren Konsequenzen. „Falls Chamenei weiter Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert, wird Teheran brennen“, sagte Katz nach einer Besprechung mit dem Generalstabschef laut Mitteilung.
Der Iran warnte die USA, Großbritannien und Frankreich davor, Israel bei der Abwehr iranischer Angriffe zu unterstützen. Andernfalls würde die Islamische Republik deren Stützpunkte und Schiffe in der Region ins Visier nehmen, berichteten iranische Staatsmedien. Der Krieg werde sich in den kommenden Tagen auf alle von Israel besetzten Gebiete und auf US-Stützpunkte in der Region ausweiten, zitierte die iranische Nachrichtenagentur FARS ranghohe Militärvertreter zudem.
IAEA: Anlage für Urananreicherung teilweise zerstört
Die iranischen Attacken sind die Antwort auf den Großangriff, den Israel in der Nacht auf Freitag gestartet hatte. Israel ist die einzige Atommacht in der Region und nahm mit seinem Großangriff vor allem das Atomprogramm des Iran ins Visier. Getroffen wurden nach israelischen Angaben mehr als 100 Ziele unter anderem in den iranischen Millionenstädten Teheran, Tabris und Schiras sowie die Urananreicherungsanlage Natans.
Bei den Attacken wurden nach offiziellen iranischen Angaben Dutzende Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Die meisten Opfer seien Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, sagte der iranische UNO-Botschafter Amir Saeid Iravani vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York.

Satellitenaufnahme der Atomanlage in Isfahan (Archivbild)
Der oberirdische Teil der Anlage in Natans, in der Uran auf bis zu 60 Prozent angereichert werde, sei zerstört worden, sagte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, im UNO-Sicherheitsrat. Für Kernwaffen wird ein Reinheitsgrad von gut 90 Prozent benötigt. Der Iran habe zudem mitgeteilt, dass auch die Atomanlagen in Isfahan und Fordo angegriffen worden seien, sagte Grossi.
Führende iranische Militärs getötet
Der iranische oberste Führer ernannte infolge der Tötung hochrangiger Militärs durch Israel inzwischen einen neuen Kommandeur für die Luftstreitkräfte der mächtigen Revolutionsgarden. Nach der Tötung seines Vorgängers soll Brigadegeneral Madschid Mussawi diese leiten, hieß es.
Laut iranischen Angaben wurden zuvor führende Köpfe des Militärs getötet, darunter der Kommandeur der mächtigen Revolutionsgarden, Hussein Salami, der Generalstabschef Mohammed Bagheri und der Kommandeur der Luftstreitkräfte der Revolutionsgarden, Brigadegeneral Amir Ali Hadschisadeh. Am Samstag meldete der Iran darüber hinaus den Tod der Generäle Gholamresa Mehrabi und Mehdi Rabani.
Zudem wurden iranischen Berichten zufolge mindestens sechs führende Wissenschaftler und Professoren aus den Bereichen Nuklearforschung und Physik bei Angriffen auf ihre Wohnungen in Teheran getötet.
UNO-Chef fordert Ende der gegenseitigen Angriffe
UNO-Generalsekretär Antonio Guterres rief beide Länder eindringlich zur Deeskalation auf. „Genug der Eskalation“, schrieb er auf X. Frieden und Diplomatie müssten sich durchsetzen. „Noch nie war die Region so nah an einem ausgewachsenen Flächenbrand wie jetzt“, sagte Ali Vaez, Leiter der Iran-Abteilung beim Thinktank International Crisis Group, dem arabischen Sender al-Jazeera. Zwar sei unklar, wie viele Waffen und Verteidigungssysteme ihres Erzfeindes die Israelis zerstört hätten.
Der Iran verfüge aber definitiv weiterhin über Angriffspotenzial – und habe nicht nur eines der am weitesten entwickelten und umfangreichsten Arsenale von Marschflugkörpern im Nahen Osten, sondern auch Verbündete in der Region wie die Huthi-Miliz im Jemen, die geschwächte Terrororganisation Hamas und die libanesische Hisbollah-Miliz.
„Wir stehen erst am Anfang“
Israel und andere Staaten wie die USA wollen den Iran am Bau einer Atombombe hindern. Teheran bestreitet, dieses Ziel überhaupt zu verfolgen – und beharrt darauf, Kernenergie allein für zivile Zwecke nutzen zu wollen.
Israels Premier Benjamin Netanjahu zufolge waren die USA im Vorfeld des Angriffs über Israels Pläne informiert worden. Er sei nicht besorgt, dass die israelischen Angriffe einen die ganze Region umfassenden Krieg auslösen könnten, sagte US-Präsident Donald Trump der Nachrichtenagentur Reuters. Er betonte, es sei für den Iran nicht zu spät, eine Vereinbarung über das Atomprogramm zu treffen. Der Iran sah indes keinen Sinn mehr in den Atomverhandlungen mit den USA.
„Wir stehen erst am Anfang eines Ereignisses, das sich wahrscheinlich stark von früheren direkten Zusammenstößen zwischen Israel und dem Iran unterscheiden wird“, sagte Danny Citrinowicz vom israelischen Institut für Nationale Sicherheitsstudien dem „Wall Street Journal“. Die Folgen des jetzigen Konflikts könnten seiner Ansicht nach weitreichend und bedeutend für die Zukunft des Iran und der Stabilität der gesamten Region sein.